„Atemfreude“ ist ein ganzheitliches Konzept der Atemgymnastik mit SeniorInnen: Schonend und anregend, fantasievoll und überraschend. Für relativ fitte SeniorInnen ebenso geeignet wie für Menschen mit motorischen Einschränkungen oder dementiellen Veränderungen.
Wir sitzen in einem Stuhlkreis, alle haben ausreichend Platz zur Nachbarin, um sich gut bewegen zu können.
In der Mitte wird ein „Bühnenbild“ aufgebaut:
Auf einem Tuch stellen wir eine Vase mit frischen, blühenden Zeigen auf oder weichen auf Kunstblüten am Zweig aus, die Kirschblüten ähneln. So wird das Motto der Stunde anschaulich dargestellt und unterstützt das Verständnis von dementiell veränderten Teilnehmenden.
Grundsätzlich spricht die Moderatorin in der Wir-Form. Das umgeht das höfliche Siezen und stellt das Gruppenerlebnis auf Augenhöhe in den Mittelpunkt.

Wir beginnen die Stunde mit einem frühlingshaften Gedicht, das zur Einstimmung vorgelesen wird. So können alle Teilnehmenden sich auf das Thema einstellen.

Anschließend entsteht durch die moderierte Geschichte, die in Bewegungen erlebt wird, das Erlebnis der japanischen Kirschblüte.

 

Zum Hintergrund:

Kirschblüten gelten in Japan als Symbol der Erneuerung und Hoffnung, da sie den Frühlingsanfang und das Versprechen eines Neuanfangs darstellen. Ihre kurze, aber schöne Blütezeit wird als Erinnerung angesehen, den gegenwärtigen Moment zu schätzen und optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Zur Einstimmung vorlesen:

Was rauschet, was rieselt, was rinnet so schnell?
Was blitzt in der Sonne? Was schimmert so hell?
Und als ich so fragte, da murmelt der Bach:
“Der Frühling, der Frühling, der Frühling ist wach!”

Was knospet, was keimet, was duftet so lind?
Was grünet so fröhlich? Was flüstert im Wind?
Und als ich so fragte, da rauscht es im Hain:
“Der Frühling, der Frühling, der Frühling zieht ein!”

Was klingelt, was klaget, was flötet so klar?
Was jauchzet, was jubelt so wunderbar?
Und als ich so fragte, die Nachtigall schlug:
“Der Frühling, der Frühling!” – da wusst’ ich genug!

Heinrich Seidel

Alle sitzen im Stuhlkreis mit viel Platz zu allen Seiten, um sich bewegen zu können.

Wir gähnen laut und kräftig, reiben die Augen, schütteln die Arme und Beine aus:
Letzte Nacht haben wir geträumt, der Frühling sei mit dem Sonnenaufgang gekommen und habe die Kirschblüten aufgeweckt!
Alle gähnen mehrmals mit weit geöffnetem Kiefer, reiben die Augen, lockern Arme und Beine: Wir werden munter und können in den Tag starten!

 

Da wir in Japan sind, schlüpfen wir als erstes in den Kimono:
Wir strecken den rechten Arm weit aus und schieben ihn in einen imaginären Ärmel, denn strecken wir den linken Arm weit aus und  tauchen auch hier in den Ärmel. Wir streichen mit flachen Handflächen über Brust, Bauch und Arme, um den Kimono zu glätten.
Dann schlingen wir die Arme um den Oberkörper, „um den Kimono zuzuknoten“.

 

Auch Schuhe brauchen wir, die ziehen wir als nächstes an:
Wir steigen in eine Art Pantoffeln und stampfen mehrmals fest auf. Dann schieben wir die Füße auf dem Boden ein bißchen vor und zurück, um halt in den Pantoffeln zu finden – schließlich sollen sie gut sitzen!

 

Puh, ist es noch frisch – wir halten die Hände vor das Gesicht und  hauchen in die Handflächen

 

Wir treten vor die Tür und schauen uns um, wo wir blühende Bäume erkennen:
Alle legen eine Hand an die Stirn, um Ausschau zu halten, und drehen sich um die eigene Achse.

Wir wechseln den Arm, legen die andere Hand an die Stirn und drehen und in die Gegenrichtung, aus dem Rumpf heraus. Wer kann, steht zu dieser und der folgenden Übung auf und hält sich ggf. an der Stuhllehne fest.

 

Jetzt auf zu den Kirschbäumen! Wir sehen sie in der Ferne schon stehen, sie sind alt und knorrig, fest verwurzelt:

Wir gründen die Füße fest im Boden, dazu pressen wir die Fußsohlen auf den Boden – so tief verwurzelt sind die Kirschbäume!

 

Die Kirschblüten öffnen sich – wir legen die Hände aneinander und strecken sie langsam nach oben, als ob sich Blütenblätter der Sonne entgegen schieben. Dann öffnen sich die Knospen, wir lassen sie Arme langsam zu den Seiten sinken  – mehrfach wiederholen, soweit möglich.

 

Ein Wind stoß fährt in die Baumkronen, wir schwanken leicht (sitzend oder stehend) hin und her.

 

Wir betrachten die fallenden Kirschblüten, die durch den Wind losgerissen werden: Sanft atmen wir aus, um sie in der Luft zu halten, oder vom Gesicht weg zu pusten.
Dabei lassen wir die Luft langsam und geführt, in kleinen zarten Stößen aus dem Mund entweichen. Die Einatmung erfolgt über die Nase, die nächste, leicht rhythmische Ausatmung wieder durch die gespitzten Lippen.

 

Atemwahrnehmung

Wir laden die SeniorInnen ein, sich zurückzulehnen und eine bequeme Sitzposition einzunehmen. Die Hände ruhen im Schoß, die Füße gleiten entspannt aus. Wer mag, schließt die Augen.

Der folgende Text wird langsam und ruhig vorgelesen

Wir stellen uns vor, dass wir unter einem Kirschbaum säßen:
Auf einer Bank, in einem Liegestuhl oder in einer Hängematte. Über uns wölbt sich die Baumkrone aus lauter duftigen, weißen oder rosafarbenen Blüten.
Die Sonne scheint sanft durch die Blüten und wird von ihnen gefiltert, sodass sie zart unser Gesicht berührt. Wir spüren die Sonnenstrahlen auf unserem Gesicht tanzen und lassen ganz bewusst los.

Wir lassen die Schultern los. Wir lassen die Arme und Hände los.
Wir lassen im Brustkorb und im Bauch los.

Wir lassen im Rücken los, auch im Gesäß.

Wir lassen die Beine und Füße los.

Alle Anspannungen lassen wir los.

 

Unser Atem strömt langsam und gleichmäßig. Ganz von allein füllt er unsere Lunge und entweicht wieder. Der Atem strömt ein…. und aus….., während wir ganz entspannt sind und alles loslassen.
Wir genießen unseren Platz unter dem Kirschbaum.
Über uns zwitschern Vögel und bauen ein Nest.
Ein paar Blütenblätter tanzen hinab, wenn der Wind in die Zweige fährt.
Wir beobachten, wie die Blüten leicht und spielerisch durch die Luft taumeln, bis sie im Gras landen. Oder in unserem Schoß. Oder auf unserer Hand.

Der Atem strömt weiter ein….. und aus…. Ganz von allein.
In der ferne hören wir fröhliche Stimmen und genießen unseren Platz.
(einen Moment Stille halten)
Langsam kehren wir in den Raum zurück:

Wir bewegen Hände und Füße…., öffnen die Augen….., kommen wieder im Stuhlkreis an.

 

Während wir so nach oben in die Baumkronen schauen, fällt uns noch etwas auf:
Die Kraniche kommen zurück – sie sind Glücksboten in Japan!

Wir breiten die Arme seitlich aus, heben und senken sie wie Flügel. Dabei atmen wir bewusst langsam.

 

Wer die Kirschblüten besucht, braucht eine Stärkung:
Reisbällchen essen
–  an einem Stand kaufen wir Reisbällchen und probieren sie: Den Bauch reiben, genussvoll stöhnen oder summen: „Mhhhmmmm….“

Sake trinken wollen wir auch – der Schnaps ist so stark, dass wir hecheln und mit einer Hand vor dem Mund wedeln. Dabei rufen wir vor Schreck „Huh! Huhu!“

 

Natürlich gibt es auch ein Feuerwerk:
Wir folgen den aufsteigenden Raketen mit den Augen,
bis sie oben am dunkel werdenden Himmel ihre Farben versprühen, und rufen staunend:
„Ooohhh!“
„Aaaahhh!“
„Wuuuunderschööön!“

Dabei schauen alle nach oben an die Zimmerdecke.

 

Zum Schluss singen wir zusammen:

– Es geht eine helle Flöte, der Frühling ist über dem Land

– Jetzt fängt das schöne Frühjahr an

– Im Märzen der Bauer

– Kuckuck, ruft’s aus dem Wald

 

Das Singen lässt unbewusst erleben, wie die Bewegung und Atmung eine kräftigere Stimme begünstigen. Außerdem stärkt es den Gruppenzusammenhalt, sich am Ende noch einmal gemeinsam zu hören und zu erleben, bevor alle wieder aufbrechen.

 

Impuls am Ende:
Wo haben Sie in den letzten Tagen Frühlingsboten entdeckt?
Haben Sie sie bewusst wahrgenommen und wertgeschätzt?

Unternehmen Sie doch einen kleinen Spaziergang, um bewusst die aufsprießende Natur in der Umgebung zu erforschen!
Veilchen und Löwenzahn wachsen in der Stadt sogar in Mauerritzen, überall sind Überraschungen möglich!

Zusätzliche Informationen

Autor Marie Krüerke
Schwerpunkte Gymnastik, Körperübungen, Sport, Atemtraining, Atemgymnastik
Angebotstyp Bewegungstraining
Stufe mittel
Gruppenangebot Ja
Einzelbetreuung Nein
Geeignet für Menschen mit Demenz
Dauer bis 60 Minuten
Zeitraum Jederzeit
Materialien

Stuhlkreis, großer Raum


Trainingsmaterial

Buchtipp:
Alle Hintergründe zum Konzept, grundlegendes Wissen über die Anleitung von
Atemübungen, 15 Stundenentwürfe und eine Übungssammlung biete ich im Praxisbuch
„Atemfreude. Schwungvolle und fröhliche Atemübungen mit Senioren anleiten“
Kostenlose Konzepte zum Ausprobieren auf www.atemfreude.de
Wer ein komplettes Kirschblütenfest feiern möchte, findet dazu jede Menge Tipps und
Ideen im Grundlagenwerk „Soziale Betreuung: endlich klar! Kreativ und individuell
planen und anleiten“.
Hier finden Sie umfassende Praxishinweise für Gruppenstunden, Feste, Ausflüge,
Mottowochen, Projekttage uvm. Übersichtlich, modern und voller schwungvoller Impulse!